Ur- und Frühgeschichte Allgemein
Die Ur- und Frühgeschichte beschäftigt sich mit vergangenen Kulturen, die über keine oder nur spärliche eigene schriftlichen Quellen verfügen. Zentrale Erkenntnisse gründen auf materiellen Hinterlassenschaften, die überwiegend durch Ausgrabungen gewonnen werden und neben den geborgenen Gegenständen selbst auch die Fundzusammenhänge beinhalten. Die Bandbreite reicht von einfachen Steinwerkzeugen an kaum strukturierten Lagerplätzen der Frühmenschen vor mehr als 2,5 Millionen Jahren bis hin zu variantenreichen Keramiken und Metallobjekten in Gräbern, Siedlungen und Befestigungen, die in späten Abschnitten der Ur- und Frühgeschichte als kulturelles Mosaik in der Nachbarschaft von Hochkulturen existiert haben. Die Überlieferung von Artefakten und Fundkontext weicht in Abhängigkeit zu den jeweiligen Erhaltungsbedingungen mehr oder weniger stark vom ursprünglichen Bestand ab. Weil zudem unmittelbare Beobachtungen der Akteure nicht möglich sind, ist die Ur- und Frühgeschichte in ihrem Anspruch, über eine Beschreibung der Objekte hinaus möglichst viele Aspekte menschlicher Kultur zu rekonstruieren, auf die Einbeziehungen der Ergebnisse zahlreicher Disziplinen der Geistes- (u. a. Klassische Archäologie, Christliche Archäologie, Alte Geschichte, Völkerkunde) und Naturwissenschaften (u. a. Geologie, Biologie, Geographie) sowie der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften angewiesen. Andererseits ergeben sich aus den langen Zeitreihen und veränderlichen Umweltbedingungen, in denen die Ur- und Frühgeschichte das Verhalten des Menschen vorrangig anhand seiner Sachkultur betrachtet, wichtige inhaltliche wie methodische Impulse für eine Vielzahl anderer Fächer.
Ältere Urgeschichte
In der durch jägerische und sammlerische Lebensweisen gekennzeichneten Älteren Urgeschichte (2,5 Millionen Jahre vor heute bis 6. Jahrtausend v. Chr.) steht die Auseinandersetzung des Menschen mit den veränderlichen Umweltbedingungen des Eiszeitalters und der beginnenden Nacheiszeit im Vordergrund. Während ein großer Teil dieses Abschnitts durch eine wechselseitige Beziehung zwischen Umwelt, Kultur und körperlich-intellektueller Entwicklung charakterisiert ist, die schließlich in der Besetzung neuer Lebensräume in Afrika und Eurasien mündet, dominiert spätestens mit dem vor 200.000 Jahren erstmals in Ostafrika nachgewiesenen modernen Menschen eine variable kulturelle Anpassung und ermöglicht in vergleichsweise kurzer Zeit die Besiedlung aller Kontinente.
Jüngere Urgeschichte
Die Ablösung der mobilen, aneignenden Lebensweise durch ein produzierendes Wirtschaften, bei dem Ackerbau und Viehzucht von festen Siedlungen aus betrieben wird, markiert am Beginn der Nacheiszeit vor mehr als 10.000 Jahren den Übergang zur Jüngeren Urgeschichte (6. Jahrtausend bis 1. Jahrhundert v. Chr.). Vorratshaltung und mittelfristige Sicherheit der Nahrungsquellen sind Grundlagen für eine nachhaltige Zunahme der Bevölkerung, deren wachsende soziale Dichte technologische Innovationen und gesellschaftlichen Wandel nach sich zieht. Es kommt zur Ausbildung großer sozialer Netzwerke, in denen der Austausch bzw. Handel von Gütern nicht nur zu einer raschen Verbreitung neuer Werkstoffe wie Kupfer, Bronze und Eisen führt, sondern mitverantwortlich für eine zunehmende soziale Differenzierung ist. Die geänderte Siedlungsweise, die in großen Stückzahlen gegossenen und standardisierten Metallobjekte, der zunehmende Einfluss menschlicher Aktivitäten auf Vegetation, Wasserhaushalt und Tierwelt sowie das ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. in verschiedenen Regionen zu beobachtende Nebeneinander von urgeschichtlichen Gesellschaften und solchen mit Schrift und steilen sozialen Hierarchien erfordern einen von der Älteren Urgeschichte deutlich verschiedenen, eigenständigen Methodenkanon.
Frühgeschichte
Die außerhalb des mediterranen Europa parallel zur Archäologie der römischen Provinzen ansetzende Frühgeschichte (1. Jahrhundert v. Chr. bis 8. Jahrhundert n. Chr.) kann neben materiellen Hinterlassenschaften fortschreitend auch auf schriftliche Quellen zurückgreifen. Durch den Rückzug des römischen Reiches aus seinen Provinzen, der mit der Aufgabe des Limes ab dem 3. nachchristlichen Jahrhundert beginnt, kommt es innerhalb von Wirtschaft, Siedlungswesen und politischer Organisation zu einem Abbruch zahlreicher Traditionen. Zunächst bestimmen kriegerische, zuweilen hoch mobile Stammesverbände das Geschehen, deren materielle Kultur und soziale Struktur sich vor allem in großen Gräberfeldern erhalten hat. Im weiteren Verlauf kommt es zu einer erneuten Etablierung großräumiger, zentral kontrollierter staatlicher Institutionen und einer Ausbreitung des Christentums.
Studium an der FAU
An der FAU ist das Fach Ur- und Frühgeschichte zur Zeit durch eine Professur mit Schwerpunkt auf dem Fachgebiet der Älteren Urgeschichte (Prof. Dr. Thorsten Uthmeier) vertreten, eine zweite Professur mit Schwerpunkt auf der Jüngeren Urgeschichte wird gerade eingerichtet. Zusätzlich hierzu gibt es eine außerplanmäßige Professur (apl. Prof. Dr. Klaus Schmidt, Deutsches Archäologisches Institut Berlin). Die dem Lehrstuhl zugeordnete Sammlung darf als eine der größten ur- und frühgeschichtlichen Universitätssammlungen in Mitteleuropa gelten. Sie ist durch die Aufarbeitung von Fundkomplexen sowie über die Konzeption und Realisierung von Sonderausstellungen auf vielfältige Weise in Forschung und Lehre einbezogen. Weitere Eckpunkte der Ausstattung des Lehrstuhls sind eine umfangreiche, seit Jahrzehnten gewachsene Bibliothek, die beide Fachgebiete der Urgeschichte gleichermaßen abdeckt, sowie ein für Praktika und hauseigene Feldforschungen genutztes Sedimentanalyse-Labor.
Die Ur- und Frühgeschichte an der FAU hat innerhalb Bayerns zwei Alleinstellungsmerkmale, die zu einer überdurchschnittlich großen Wahrnehmung des Instituts auch über die Grenzen des Bundeslandes hinaus beitragen: zum einen der bestehende Schwerpunkt auf dem Fachgebiet der Älteren Urgeschichte, das an keiner weiteren bayerischen Universität vertreten ist und bundesweit überhaupt nur an vier zusätzlichen Standorten gelehrt wird, und zum anderen die diachrone, an Originalen überaus reichhaltige Sammlung von 200.000 Objekten aus 800 zumeist europäischen Fundorten. Darüber hinaus verfügt die FAU mit Professuren für zwei Fachgebiete der Klassischen Archäologie sowie dem Fach der Christlichen Archäologie und Kunstgeschichte über eine große Bandbreite an archäologischen Fächern, die durch die Kooperation mit der Otto-Friedrich-Universität Bamberg noch gestärkt wird. Zusammen mit den dortigen Schwerpunkten auf den Jüngeren Metallzeiten und der Frühgeschichte, der Archäologie der Römischen Provinzen, der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit sowie der Informationsverarbeitung in der Geoarchäologie ergibt sich ein in Bayern einmaliger Archäologie-Verbund räumlich unmittelbar benachbarter Standorte.
Berufsaussichten
Die große methodische und inhaltliche Breite der „Archäologischen Wissenschaften“ mit einer engen Verzahnung der Ur- und Frühgeschichte, Klassischen Archäologie und Archäologie der römischen Provinzen sowie der Christlichen Archäologie und Kunstgeschichte bietet Absolventen des Studiengangs gute Berufsaussichten. Nach einer deutlichen Vergrößerung der Nachfrage infolge der Änderung des Denkmalschutzgesetzes finden Absolventen/Innen im Fach Ur- und Frühgeschichte je nach Abschluss überwiegend als wissenschaftliche Grabungsleiter, Inhaber kommerzieller Grabungsfirmen oder Amtsreferenten eine Anstellung. Seltener sind Stellen an Museen und Universitäten sowie in der Forschung. Am Arbeitsmarkt wird in der Regel die Promotion als Berufsqualifikation für unbefristete Arbeitsverhältnisse vorausgesetzt.