Als Ausgangsform diente eine regelmäßige Hornsteinplatte
von nahezu gleichbleibender Dicke. Die intensive braune Patina kann
auch an Baiersdorfer Platten angetroffen werden, ebenso die (leichte)
Körnigkeit. Jedoch fehlen die für Baiersdorf als typisch
genannten Rauhheitsunterschiede der beiden Rindenflächen. Die
Herkunft des Materials aus der Lagerstätte von Baiersdorf
wäre vorstellbar, ist jedoch - angesichts der zahlreichen
Plattenkalkvorkommen auch in der näheren Umgebung der
Oberenederhöhle - keineswegs gesichert.
Bemerkenswert ist der gerade Rücken des Stückes, der durch
eine rechtwinklig zu den Rindenflächen gelegene, absolut eben
verlaufende natürliche Fläche gebildet wird. Derartige
Flächen sind an Plattenhornsteinen häufig anzutreffen: Sie
sind durch tektonischen Versatz entstanden, bei dem die Plattenkalke
(und die darin gelegenen Hornsteinplatten) rechtwinklige
Scherbrüche erlitten. Oft sind diese Flächen ohne Cortex,
was auf ein Zerbrechen nach der Aushärtung des Kieselgels
schließen läßt. Befinden sich jedoch wie bei dem
gezeigten Stück Rindenreste an diesen Scherflächen, wird die
Interpretation erschwert: Handelt es sich um eine sekundäre -
lange nach dem Zerbrechen des Stückes gebildete -
Verwitterungsrinde, oder - vergleichbar den Rindenflächen - um
die ursprüngliche Ausfällungsgrenzfläche des Kieselgels
? Bei dem vorliegenden Stück ist dazu bemerkenswert, daß
die Kante zwischen der gezeigten Fläche und dem Rücken
gerundet ist, während die Kante zur nicht gezeigten Unterseite
schärfer ausgebildet ist. Hieraus darf man schließen,
daß der Bruch zu einem Zeitpunkt stattfand, an dem das Kieslgel
(und der Kalkschlamm) noch nicht vollständig durchgehärtet
waren.
Ein weiterer Cortexrest - ebenfalls an einem Scherbruch - liegt an
jenem linken Abschnitt der Basis, der eine leicht spitzwinklig zum
Rücken verlaufende Gerade bildet. Der Rücken und die Basis
des Stückes sind demnach natürliche Flächen, die beim
Gestaltungsprozeß vom urgeschichtlichen Menschen absichtlich
genutzt wurden - ein Vorgehen, daß wir bis in die jüngsten
Zeiten der Verarbeitung von Plattenhornsteinen finden, insofern sie
als Grundformen für Bifazialgeräte dienten (vgl. die Basis
der Altheimer Plattensicheln).
Das partiell natürlich gebrochene Plattenfragment wurde in einem
ersten Arbeitsgang vorgeformt - davon stammen die von der linken Kante
ausgehenden, weit in die Fläche ausgreifenden
Retuschenegative. Der zweite Arbeitsgang bestand in der Regularisation
der so gewonnenen, noch unregelmäßen Kanten über
kürzere und steiler gesetzte Retuschen. Alle Retuschen der
unteren (nicht abgebildeten) Fläche entstammen diesem
Arbeitsgang. Auf der gezeigten Fläche sind sie besonders an der
links oben gelegenen Spitzenpartie zu entdecken und im unteren
Abschnitt der Schneidenpartie. Diese zweistufige Art der Zurichtung,
bei der der Verlauf der Kanten nicht über einen steten Wechsel
der Retuscherichtung erzeugt wurde, ist typisch für die
Zurichtung von Bifazialgeräten während des
mittelpaläolithischen Micoquiens.
Die typologische Ansprache geht zunächst von der Konstellation
´Rücken gegenüber Schneide´ aus; demnach handelt es sich um
ein ´Keilmesser´, einen für das mitteleuropäische
Mittelpaläolithikum kennzeichnenden Typ. Eine genauere Zuordnung
erlaubt der im oberen Drittel geknickte Rücken: Damit kann das
Stück als ein Vertreter der Keilmesser vom Typ Prondnik genau
klassifiziert werden. Prondnik ist der Name des Flüßchens,
welches das Karstgebiet nördlich von Kraków
durchfließt, womit der kulturelle Hintergrund dieses
Stückes deutlich zum Ausdruck kommt.
Bei den Ausgrabungen in der Obernederhöhle sind keine zu diesem
Stück gehörenden Retuschereste gefunden worden - aller
Wahrscheinlichkeit nach wurde es vorgefertigt in die Höhle
gebracht. Ohne Zweifel haben wir ein Werkzeug von hohem Gebrauchswert
vor uns - genauso ohne Zweifel einen Nachweis, daß die
Neandertaler gegen die Mitte des letzten Jahrhunderttausends zunehmend
einen Sinn für geometrische Formen entwickelten, der seinen
Höhepunkt schließlich in der Symmetrie der Blattspitzen des
späten Mittelpaläolithikums gefunden hat .
Literatur:
Bosinski, G.: Die mittelpaläolithischen Funde im westlichen
Mitteleuropa. Fundamenta A4. Köln-Graz 1967.
Driehaus, J.: Die Altheimer Gruppe und das Jungneolithikum in
Mitteleuropa. Mainz 1960. (Vgl. Taf.48, 12).
Freund, G.: Das Paläolithikum der Obernederhöhle (Landkreis
Kelheim/Donau). Quartär-Bibliothek 5. Bonn 1987. (Vgl. 91,
Abb. 40)
Koulakovskaya, L., Koszlowski, J.K. & Sobczyk, K.: Les couteaux
micoquiens du Würm ancien. Préhistoire Européenne
4, 1993, 9-32.
Krukowski, S.: Prehistoria ziem Polskich I. Kraków
1939. (Vgl. Tabl.7, 8).
Veil, St.: Ein mittelpaläolithischer
Fundplatz aus der Weichselkaltzeit bei Lichtenberg,
Lkr. Lüchow-Danneberg. Germania 72, 1994, 1-66.
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