Obwohl keine Rindenreste erhalten sind, die uns einen Hinweis auf die
ursprüngliche Form des Gesteinsstückes geben könnten,
dürfen wir dennoch davon ausgehen, daß die beiden
Abschläge von einer Hornsteinknolle stammen. Charakteristisch
sind die zahlreichen in der grauen Grundmasse schwimmenden helleren
und dunkleren Verfärbungen, deren Anordnung keinerlei Hinweise
auf eine Schichtung erkennen lassen. Am links gezeigten Stück, im
proximalen Bereich, scheinen mehrfach Überlagerungen
stattgefunden zu haben, da hellere und schärfer begrenzte
Verfärbungen (rundlich bis 2 mm im Durchmesser) dunklere
diffusere Partien durchdringen. Doch können (wie in der Mitte des
rechten Stückes) die dunkleren Einfärbungen auch scharf
begrenzt sein. Zusätzlich finden sich Zonen, die in ein
bläuliches Weiß übergehen. Insgesamt ergibt sich ein
unklares Gefüge, dessen Aufbau keine Regelmäßigkeit
erkennen läßt.
Die Entstehung dieser Verfärbungen kann auf das Wirken von im
Boden lebenden Organismen zurückgeführt werden, die den
weichen Schlamm bewohnt und charakteristisch gestört
haben. Überreste der Organismen selbst wären vielleicht im
Dünnschliff unter dem Mikroskop zu finden; makroskopisch sicher
erkennbar sind nur deren Lebensspuren. Als Bildungsmilieu ist ein mit
Sauerstoff versorgtes Absatzgebiet anzunehmen. Aufgrund von
Ähnlichkeiten zu den Baiersdorfer Hornsteinen (Grundfärbung,
leichte Körnigkeit, an den Kanten nicht durchscheinend) ist wie
für diese eine Bildungszeit in unteren Malm Zeta (Zeta 1 + 2)
vorstellbar.
Die Herstellung der beiden Abschläge erfolgte von einem Kern, der
in bereits vorgeformtem Zustand (präpariert) an die Fundstelle
gebracht worden ist. Nach den Abmessungen der beiden Abschläge
sollte sein Durchmesser wenigstens 10 cm betragen haben. Er muß
eine flach gewölbte Abbaufläche besessen haben, die von
einer umlaufenden, schräg nach unten weisenden Flanke begrenzt
wurde. Reste dieser Flanke sind an dem Schlagflächenrest des
links abgebildeten Abschlags erhalten. Wird die Lage dieses
Schlagflächenrestes in Beziehung gesetzt zu dem
schrägliegenden großen Dorsalgrat (welcher den Umriß
des Abschlags bestimmt hat), ergibt sich, daß der Kern umlaufend
(zentripetal) abgebaut wurde. Anzunehmen ist eine Levalloismethode;
die beiden Abschläge stellen jedoch keine Zielprodukte dar,
sondern entstanden anläßlich einer Korrektur der
Abbaufläche.
Beide Stücke wurden als Geräte benutzt. Die seitlich
liegende Spitze des links gezeigten Abschlags trägt ventrale
Aussplitterungen, nach denen das Gerät im Rahmen der
mittelpaläolithischen Typologie als Bohrer klassifiziert werden
kann. Der rechte Abschlag trägt grobe, unterschiedlich weit in
die Fläche greifende Ausbrüche, die eher Kerben als
regulären Retuschen entsprechen. Die terminal nach rechts
zeigende sanft gebogene Kante hingegen ist durch
regelmäßige Retuschen erzeugt worden; danach könnte
das Stück als Kratzer angesprochen werden.
Literatur:
Weißmüller, W.: Die Silexartefakte der Unteren Schichten
der Sesselfelsgrotte. Ein Beitrag zum Problem des
Moustérien. Quartär-Bibliothek 5. Bonn, 1995. (Vgl.:
Nr. 785)
© 1996 http://www.uf.uni-erlangen.de/weissmueller.html