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EINE OPFERSTÄTTE VOR 25000 JAHREN.

 

Gekürzte Beschreibung der Fundstelle durch Otto Hauser

In: Der Mensch vor 100 000 Jahren. Leipzig 1917, S. 86-91.

 

Eines Tages fand ich an einer merkwürdigen Stelle einen schöngeformten Rundschaber. ... Wenige Meter davon entfernt lag ein mächtiger Felsblock von mehr als 400 Kubikmeter Inhalt. Er war einst von der Höhe des ausladenden Felsdaches abgestürzt und viele Jahrtausende unberührt liegengeblieben. ... Zur Zeit der Magdalénienleute, vor etwa 25000 Jahren, lagerte an dieser Stelle eine Jägersippe, die hierhin ihre erlegte Beute brachte. Während die Leutchen eines Tages Kopf und Geweih eines Renntieres aufteilten und zu irgendeiner Verwendung zuschnitten, muß eine gewaltige Erderschütterung stattgefunden haben, ein Beben und Tosen begann den Felsen zu umbranden, und wo einige Partien der Felswand durch frühere Verwitterung schon schadhaft geworden, da sausten plötzlich auf den Vorplatz der Wohngrotte große Blöcke herab. ... In Jahrzehntausenden traf kein Regen mehr die Stelle, vom Fels witterte nur wenig ab und legte sich als feiner Staub und Sand über die Tierreste. Soweit ich unter den Felsblock dringen konnte, lagen zermalmte Knochen umher, lose von Sand bedeckt, und ich bekam unwillkürlich den Eindruck, als hätte mein Kommen die Höhlenmenschen eben erst von ihrer Arbeit verscheucht: so unmittelbar und so unberührt lag alles umher! ... Bis zu einem Meter Höhe lagen ursprünglich Schädel und Hörner erlegter Großtiere aufgeschichtet. Der Felsblock hatte sein Geheimnis gut bewahrt, und immer merkwürdiger gestaltete sich im Verlauf der weiteren Ausgrabung die ganze Entdeckung. Zwei kunstvolle Harpunen mit fein ausgesägten Widerhaken kamen zum Vorschein, und bald sah ich auch sonderbar geformte Steine, die bis zu 60 und 70 Zentimeter groß waren. ... 

Steine in eigentümlicher Anordnung: sie lagen nicht wahllos zerstreut am Platze, sondern sichtlich in gewollter Aufstellung, die Anlage wie im Oval umgrenzend. Bald entdeckte ich auf einem dieser Steine eingeritzte Linien, die sich zu einem hübschen Tierbild formten. Ich fand immer mehr Steine und kleinere Blöcke, und alle zeigten mehr oder weniger Spuren einer beabsichtigten Formgebung: behauen waren sie alle, und sie kreisten den merkwürdigen Platz ein. Schön bearbeitete Knocheninstrumente folgten: Pfrieme, kunstvoll gebohrte Nadeln, Glätter, dann mit Schnitzereien reich verzierte und gelochte Stäbe, sogenannte "Kommandostäbe", die ich aber eher als Zauber- oder Kultstäbe deuten möchte.

Ich drang in östlicher Richtung vor und sah, daß der Erdboden eine schwärzliche Färbung annahm. Ich vermutete mit Recht, daß ich mich einer Feuerungsstelle näherte, und richtig: wohlgeordnet kam ein regelrechter Herd zum Vorschein . Aus Flußkieseln zusammengestellt, war die Herdplatte in länglicher Form angelegt und stark mit Asche und Kohle überdeckt. In seiner unmittelbaren Nähe lagen Dutzende von Schmuckstücken: zierlich durchbohrte Zähnchen, gelochte Steine und Knochenanhänger, Bergkristallperlen, ..... Nadeln, Ocker, Kultstäbe - ein reicher Schmuck also, den wohl ein Häuptling der Sippe am heiligen Feuer niedergelegt haben mochte. Oder war's das Parament, die Ausrüstung des Priesters? ... Zwischen den Blöcken 33 und 44 lagen zwei große, noch scharfschneidende Klingen aus Feuerstein. Neben dem ausgehöhlten Schalenstein 33 fand ich einen wundervoll gezierten und künstlich gebohrten Kultstab. In nächster Nähe hob ich 10 Schalensteine, deren Verwendung ich mir an dieser Stelle nur als Gefäße zum Auffangen des Blutes der erlegten Tiere deuten kann. Einer dieser Steine wies als ganz besondere Eigentümlichkeit vier regelmäßig angeordnete Schalen. ... Rasch mehrten sich die Funde von mächtigen Hörnern des Bisons und des Renntiers. Die gravierten Steine waren mit ihrer bildhaften Fläche alle gegen die Mitte des Platzes hin, zum Feuerherd gerichtet. Deshalb kann ich in diesem Herd keine gewöhnliche Feuerstelle anerkennen, die etwa nur profanen Zwecken gedient haben sollte; hier kommt dem Feuer eine erhöhte Bedeutung zu, es ist der Altar. Die erste rituelle Stätte, die wir bis heute aus fernster Vergangenheit kennen! 

Hier an dieser geheimnisvollen Stätte opferten die Jäger des Magdalénien ... brachte der Primitive das Reinste und Imponierendste vom Tierkörper selbst: Kopf und Gehörn. Auf dem Steinaltar erhielt man das Feuer in fortwährender Glut, und daneben legte der Leiter der zeremoniellen Handlung, der urweltliche Priester, seinen Schmuck und sein Gerät, Messer und Zauberstäbe. In kurzer Zeit entdeckte ich eine Reihe gravierter Steine, von denen ich nur einige anführen will: Stein 32 ... zeigt die gut ausgeführte Gravierung eines jungen Bison. ... Bald guckte aus der Erde Stein 31 heraus: auf einem großen Block der zierlich gravierte Kopf eines Renntiers. Der Block 42 trägt ... zwei nebeneinandergezeichnete Bisonten, und die Rückseite des Steines weist sogar noch eine zierliche Renntierzeichnung auf. ...

Der ganze Platz hat in ovaler Form die Ausmaße von etwa 15 Meter Länge auf 8 Meter Breite. Eine ungeheure Menge von Tierknochen und Schädelresten, von Hörnern usw. bedeckt den einen Teil des Platzes bei der Feuerstelle; die Produkte der Kleinkunst bereichern das Gesamtbild außerordentlich.

Im ganzen archäologischen Aufbau zeigt diese Anlage etwas vollständig Neues, bisher durchaus Unbekanntes. Um einen Werk- oder Wohnplatz ... kann es sich hier unter gar keinen Umständen handeln. Wir haben hier weder Werkzeugsplitter, noch Abfallreste menschlicher Nahrung, noch Lernstücke in den Artefakten vor uns, sondern vollendete Kleinkunst, eine hervorragende Betätigung darstellender Kunst. Nicht ohne psychologischen Grund sind die Steine im Ring um eine Feuerstelle geordnet, alle Bildwerke dahin und gleichzeitig nach Osten gerichtet. Wir stehen hier, das darf ich nochmals betonen, vor etwas absolut Neuem, das in seinem inneren Zusammenhang und mit dem, was man aus den Sondierungsproben bestimmt noch erwarten darf, unser Verständnis des Seelenlebens, im besonderen der mystischen Anschauungen diluvialer Völker, in ungeahntem Maße fördern wird.


Laugerie-Intermédiaire um 1914


Opferstätte 1914


Opferstätte 1914 (Detail)


Opferstätte 1914 (Detail)


Opferstätte Block 1


Opferstätte Block 2


Opferstätte Block 3


Opferstätte Block 4


Opferstätte Block 5

 

 

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