HUNAS
Archiv
des Eiszeitalters
©
J. Th. Groiss, B. Kaulich, L. Reisch
Institut für Paläontologie und Institut für Ur- und Frühgeschichte
der Friedrich-Alexander-Universität
Erlangen-Nürnberg 2001.
Die Höhlenruine von Hunas wurde im Mai 1956 von dem Erlanger Universitätsprofessor
Florian Heller entdeckt. Es handelt sich dabei um eine seit vielen
Jahrzehntausenden verschüttete und vergessene Höhle, die man erst wieder finden
konnte, als ihre lockere Verfüllung durch den Steinbruch angeschnitten worden war.
Sie liegt (1) oberhalb des zu Hartmannshof gehörenden Weilers Hunas am Osthang
des Steinberges, einer hoch über die umliegenden Täler aufragenden
Dolomitkuppe.
Noch im Herbst 1956 begann Prof. Heller mit umfangreichen Ausgrabungen, die er erst im Sommer 1964 abschloss. Nach einer längeren Unterbrechung konnten dann die Grabungen im Jahr 1983 mit neuen, verbesserten Methoden (2 - 3) wieder aufgenommen werden.
Die Ergebnisse dieser langjährigen Ausgrabungen zeigen, dass die Ablagerungen in
der ehemaligen Höhle von Hunas ein weit über Bayern hinaus einzigartiges, mehr
als zwei Jahrhunderttausende dokumentierendes Archiv
der Geschichte des
eiszeitlichen Menschen und seiner Umwelt darstellen.
Bei einer urgeschichtlichen oder paläontologischen Ausgrabung kommt es vor allem
darauf an, die im Laufe der Jahrzehntausende abgelagerten Schutt- und
Erdschichten in möglichst feinen, sorgfältig getrennten Serien abzutragen und
alle Beobachtungen exakt zu dokumentieren, die freigelegten Fundstücke zu
bergen und ihre Lage dreidimensional einzumessen.
In einer Höhlenfundstelle wie
in Hunas sind dies vor allem menschliche Steinwerkzeuge, Abfälle, Knochen und
Zähne von großen oder kleinen Wirbeltieren, Schalen von Schnecken und verkohlte
Holzreste, die sich jeweils auf dem zu einer bestimmten Zeit vorhanden
Laufboden ansammelten und bald wieder von neuern Schutt bedeckt wurden. Wie in
einem mächtigen Urkundenstapel die einzelnen Blätter so können auf diese Weise
die vielen aufeinanderfolgenden Phasen in der Geschichte dieser Höhle und ihrer
Bewohner aufgeblättert und die Veränderungen in ihrer Umwelt lesbar gemacht
werden.
Das Pleistozän oder Eiszeitalter, der
jüngste, vor der geologischen Gegenwart liegende Abschnitt der Erdgeschichte, umfasst einen Zeitraum von ca. 2 Millionen
Jahren und ist durch zahlreiche kräftige Klimaschwankungen geprägt, die
mehrfach zu einer starken Ausbreitung der polaren Eiskappen, der Gebirgs- und
der Inlandgletscher führten. Während dieser Eiszeiten beherrschten Steppen und
Tundren die Vegetation Mitteleuropas, bei Jahresdurchschnittstemperaturen, die
bis zu mehr als l0°C unter den heutigen lagen. Dazwischen gab es aber immer
wieder auch Abschnitte, in denen das Klima sehr viel günstiger war und sich
dichte Laub- und Mischwälder in unserem Lande ausbreiteten. Sie werden
Zwischeneiszeiten oder Interglaziale genannt. Klimatabelle
In der Menschheitsgeschichte, die vor mehreren Jahrmillionen in den
ostafrikanischen Savannen ihren Anfang nahm, wird die bis zum Ende des
Eiszeitalters andauernde erste große Periode als Altsteinzeit oder
Paläolithikum bezeichnet. Als Werkstoff für schneidende Werkzeuge wurden vor
allem die harten und scharfkantig brechenden Kieselgesteine verwendet, z.B. der
Jurahornstein oder der Lydit aus dem Frankenwald,
und durch Schlag und Druck zugerichtet.
Da sich die Menschen ausnahmslos von Tieren ernährten, die sie jagten, und von
Pflanzen, Eiern und Kleintieren, die sie sammelten, spricht man auch von einer
Kulturstufe der Jäger und Sammler.
In Europa reichen die frühesten bisher bekannten Spuren des Menschen allerdings
nicht mehr als 1 Million Jahre zurück. Wichtige Zeugnisse für die erste
Besiedlung Deutschlands seit etwa 600.000 Jahren sind der berühmte Unterkiefer
von Mauer bei Heidelberg, der Schädel von Steinheim an der Murr oder die neuen
Funde von Bilzingsleben in Thüringen.
Die
bisherigen Untersuchungen in Hunas haben ergeben, dass bei Beginn der letzten
Eiszeit, der Würmeiszeit, vor ca. 100.000 Jahren, die Höhle von Hunas bereits
verfüllt und nicht mehr begehbar war. Die gesamte über 20 m mächtige und reich
gegliederte Schichtenfolge ist also während der davor liegenden Abschnitte des
Eiszeitalters entstanden und umfasst einen Zeitraum von sicher mehr als 200.000
Jahren mit mehreren Warm- und Kaltzeiten unterschiedlicher Intensität. Dabei
haben vor allem die Beobachtungen der jüngsten Grabungsjahre gezeigt, dass die
hier archivierte Klima- und Umweltgeschichte wesentlich komplizierter
gegliedert ist, als früher angenommen wurde.
Im
Fundmaterial von Hunas bilden die Reste von Tieren die mit ganz großem Abstand umfangreichste Quellengruppe, sind dabei jedoch auf ganz unterschiedliche Art und
Weise in die Ablagerungen gelangt. Die einen, z.B. der Höhlenbär oder die
Fledermäuse, weil sie die Höhle regelmäßig aufsuchten und zum Teil dort ihren
natürlichen Tod fanden, andere dagegen weil sie als Reste der Jagdbeute von
Raubtieren oder auch des Menschen in die Höhle gebracht wurden. Die zahlreichen
Reste von Kleinwirbeltieren, insbesondere von Nagetieren (5), wiederum sind auf
die Anwesenheit von Nachtgreifvögeln wie Eulen, Uhus oder Käuzen
zurückzuführen, die ihre Beute als ganzes verschlingen und die unverdaulichen
Bestandteile wie Knochen, Haare etc. danach an ihren Ruheplätzen als Gewölle
auswürgen. Gerade diese Kleinsäugerreste sind aber für die zeitliche Einordnung
und die Rekonstruktion der jeweiligen ökologischen Verhältnisse von
allergrößter Bedeutung.
Mehr
als 130 unterschiedliche Tierarten sind bisher nachgewiesen worden: mehr als
die Hälfte davon sind Säugetiere, knapp ein Drittel Vögel, der Rest
Kriechtiere, Amphibien und Weichtiere. Die meisten Säugetiere sind Kleinformen
wie Fledermäuse, Insektenfresser, Hasenartige und Wühlmäuse. Hamster, Hörnchen
und Biber (12), Springmäuse, Waldmäuse und neuerdings auch Bilche kommen
ebenfalls vor. Wichtig sind auch Halsband- und Berglemminge, die vor allem als
Zeugen für kalte Klimate hervorzuheben sind. Unter den größeren Arten sind
mehrere Marderartige, Füchse, Wölfe, der Höhlenlöwe, die Hyäne und natürlich
der Höhlenbär (11) zu nennen, von dem übrigens die größte Zahl der Knochen
stammt. Daneben sind Hirsch(10), Reh (7), Pferd (8) und Rinderartige reichlich
vertreten und auch Nashörner, darunter das Merck'sche Nashorn, sind belegt.
Ganz besonders interessant sind die Funde von Primaten: Zähne von einem Makaken
(zu den Meerkatzenartigen gehörig, 9) und der Weisheitszahn eines Neandertalers
(6), der gleichzeitig der überhaupt älteste Rest eines Menschen in Bayern ist.
Weitere
Hinweise auf die ehemaligen Klimaverhältnisse haben die Auswertung der pflanzlichen
Reste, Holzkohlen und Pollen (Blütenstaub ), sowie der Sedimente selbst
geliefert. Fasst man alle diese Ergebnisse zusammen, so dokumentiert dieses
einmalige erdgeschichtliche Archiv eine wechselvolle Landschaftsgeschichte. Die
bisher aufgeschlossenen Schichten spiegeln nämlich einen mehrfachen Klimawandel
wider, der mit einer durch warmzeitliche Klimaverhältnisse geprägten Waldphase
einsetzt, auf die zunächst eine kühlere Phase folgt, bevor sich erneut recht
günstige, gemäßigt feuchtwarme Klimaverhältnisse einstellen. Danach kommt es zu
einer raschen und deutlichen Klimaverschlechterung, die über weitere
Schwankungen zu immer ungünstigeren, trocken-kalten Umweltbedingungen mit
Steppen und Tundren hinführt. Den Abschluss der Folge bilden aber die
Ablagerungen einer neuerlichen Warmzeit.
Auf
die Spuren des Menschen traf man in fast allen Schichten, obwohl echte
Steinwerkzeuge bisher auf die Schichten D, E, G2, G3, H, I und K beschränkt
blieben. Zwar gibt es keine Faustkeile, wie man sie in Ablagerungen dieses
Alters eigentlich erwartet hätte, doch eine ganze Reihe schöner, aus Abschlägen
hergestellter Geräte (4). Diese zeigen in der Art und Weise ihrer Herstellung
deutliche Unterschiede: in der Schicht E sind es dünne, flache Abschläge von
sorgfältig vorbereiteten Kernsteinen mit sehr flachen Retuschen, während sich
in den älteren Schichten dicke Formen mit überwiegend steiler Kantenzurichtung
fanden. Vergleichbare, ähnlich alte Funde fehlen bislang in Bayern.