Lithothek – Südöstliche Frankenalb – Jura – Plattenhornstein der südöstlichen Frankenalb (3)

Plattenhornstein der südöstlichen Frankenalb (3)
Plattenhornstein der südöstlichen Frankenalb Typ 03, Obernederhöhle

Plattenhornstein der südöstlichen Frankenalb Typ 03, Obernederhöhle

Obernederhöhle
Gefunden 1920 von H.Oberneder in der Schicht „3 unten“ der Grabungen Zotz-Freund 1960 – 63
Keilmesser vom Typ Prondnik
Typologische Zugehörigkeit: Mitteleuropäisches Micoquien
Höhe 13.8 cm; Breite 8.2 cm; Dicke 2.0 cm.

Als Ausgangsform diente eine regelmäßige Hornsteinplatte von nahezu gleichbleibender Dicke. Die intensive braune Patina kann auch an Baiersdorfer Platten angetroffen werden, ebenso die (leichte) Körnigkeit. Jedoch fehlen die für Baiersdorf als typisch genannten Rauhheitsunterschiede der beiden Rindenflächen. Die Herkunft des Materials aus der Lagerstätte von Baiersdorf wäre vorstellbar, ist jedoch – angesichts der zahlreichen Plattenkalkvorkommen auch in der näheren Umgebung der Oberenederhöhle – keineswegs gesichert.

Bemerkenswert ist der gerade Rücken des Stückes, der durch eine rechtwinklig zu den Rindenflächen gelegene, absolut eben verlaufende natürliche Fläche gebildet wird. Derartige Flächen sind an Plattenhornsteinen häufig anzutreffen: Sie sind durch tektonischen Versatz entstanden, bei dem die Plattenkalke (und die darin gelegenen Hornsteinplatten) rechtwinklige Scherbrüche erlitten. Oft sind diese Flächen ohne Cortex, was auf ein Zerbrechen nach der Aushärtung des Kieselgels schließen läßt. Befinden sich jedoch wie bei dem gezeigten Stück Rindenreste an diesen Scherflächen, wird die Interpretation erschwert: Handelt es sich um eine sekundäre – lange nach dem Zerbrechen des Stückes gebildete – Verwitterungsrinde, oder – vergleichbar den Rindenflächen – um die ursprüngliche Ausfällungsgrenzfläche des Kieselgels ? Bei dem vorliegenden Stück ist dazu bemerkenswert, daß die Kante zwischen der gezeigten Fläche und dem Rücken gerundet ist, während die Kante zur nicht gezeigten Unterseite schärfer ausgebildet ist. Hieraus darf man schließen, daß der Bruch zu einem Zeitpunkt stattfand, an dem das Kieslgel (und der Kalkschlamm) noch nicht vollständig durchgehärtet waren.

Ein weiterer Cortexrest – ebenfalls an einem Scherbruch – liegt an jenem linken Abschnitt der Basis, der eine leicht spitzwinklig zum Rücken verlaufende Gerade bildet. Der Rücken und die Basis des Stückes sind demnach natürliche Flächen, die beim Gestaltungsprozeß vom urgeschichtlichen Menschen absichtlich genutzt wurden – ein Vorgehen, daß wir bis in die jüngsten Zeiten der Verarbeitung von Plattenhornsteinen finden, insofern sie als Grundformen für Bifazialgeräte dienten (vgl. die Basis der Altheimer Plattensicheln).

Das partiell natürlich gebrochene Plattenfragment wurde in einem ersten Arbeitsgang vorgeformt – davon stammen die von der linken Kante ausgehenden, weit in die Fläche ausgreifenden Retuschenegative. Der zweite Arbeitsgang bestand in der Regularisation der so gewonnenen, noch unregelmäßen Kanten über kürzere und steiler gesetzte Retuschen. Alle Retuschen der unteren (nicht abgebildeten) Fläche entstammen diesem Arbeitsgang. Auf der gezeigten Fläche sind sie besonders an der links oben gelegenen Spitzenpartie zu entdecken und im unteren Abschnitt der Schneidenpartie. Diese zweistufige Art der Zurichtung, bei der der Verlauf der Kanten nicht über einen steten Wechsel der Retuscherichtung erzeugt wurde, ist typisch für die Zurichtung von Bifazialgeräten während des mittelpaläolithischen Micoquiens.

Die typologische Ansprache geht zunächst von der Konstellation ´Rücken gegenüber Schneide´ aus; demnach handelt es sich um ein ´Keilmesser´, einen für das mitteleuropäische Mittelpaläolithikum kennzeichnenden Typ. Eine genauere Zuordnung erlaubt der im oberen Drittel geknickte Rücken: Damit kann das Stück als ein Vertreter der Keilmesser vom Typ Prondnik genau klassifiziert werden. Prondnik ist der Name des Flüßchens, welches das Karstgebiet nördlich von Kraków durchfließt, womit der kulturelle Hintergrund dieses Stückes deutlich zum Ausdruck kommt.

Bei den Ausgrabungen in der Obernederhöhle sind keine zu diesem Stück gehörenden Retuschereste gefunden worden – aller Wahrscheinlichkeit nach wurde es vorgefertigt in die Höhle gebracht. Ohne Zweifel haben wir ein Werkzeug von hohem Gebrauchswert vor uns – genauso ohne Zweifel einen Nachweis, daß die Neandertaler gegen die Mitte des letzten Jahrhunderttausends zunehmend einen Sinn für geometrische Formen entwickelten, der seinen Höhepunkt schließlich in der Symmetrie der Blattspitzen des späten Mittelpaläolithikums gefunden hat.

Literatur:

Bosinski, G.: Die mittelpaläolithischen Funde im westlichen Mitteleuropa. Fundamenta A4. Köln-Graz 1967.

Driehaus, J.: Die Altheimer Gruppe und das Jungneolithikum in Mitteleuropa. Mainz 1960. (Vgl. Taf.48, 12).

Freund, G.: Das Paläolithikum der Obernederhöhle (Landkreis Kelheim/Donau). Quartär-Bibliothek 5. Bonn 1987. (Vgl. 91, Abb. 40)

Koulakovskaya, L., Koszlowski, J.K. & Sobczyk, K.: Les couteaux micoquiens du Würm ancien. Préhistoire Européenne 4, 1993, 9-32.

Krukowski, S.: Prehistoria ziem Polskich I. Kraków 1939. (Vgl. Tabl.7, 8).

Veil, St.: Ein mittelpaläolithischer Fundplatz aus der Weichselkaltzeit bei Lichtenberg, Lkr. Lüchow-Danneberg. Germania 72, 1994, 1-66.

zurück