Lithothek – Südöstliche Frankenalb – Jura – Plattenhornstein der südöstlichen Frankenalb (2)

Plattenhornstein der südöstlichen Frankenalb (2)
Plattenhornstein der südöstlichen Frankenalb Typ 02, Sesselfelsgrotte

Plattenhornstein der südöstlichen Frankenalb Typ 02, Sesselfelsgrotte

Sesselfelsgrotte, Schicht P und untere Lagen der Schicht O
Grabung Freund 1971, 1975 und 1976
Grundformabbau und Modifikation
Typologische Zugehörigkeit: Charentien-Moustérien
Länge des linken Abschlags: 5.2 cm.

Die Ausgangsform für dieses kleine Ensemble war eine unregelmäßige Hornsteinplatte. Die Rindenpartie des links abgebildeten Schabers bildet eine vollständig ebene Fläche, während die des rechts daneben liegenden Schabers eine leichte Wölbung aufweist. Zahlreiche Übereinstimmungen sowohl in der petrographischen Ausbildung wie in der Erhaltung der Stücke lassen jedoch keinen Zweifel an der Zusammengehörigkeit dieses Ensembles aufkommen.

Zunächst zeigen die Rindereste eine gleiche Färbung, eine gleiche Dicke und eine gleich rauhe Ausbildung. Darunter liegt eine feine graue Bänderung von etwa 1 mm Dicke. An beiden Stücken können feine Klüftungsrisse festgestellt werden. Auf dem rechten Schaber ist eine solcher Riss im basalen Abschnitt der Dorsalfläche zu sehen: entlang des schwarzen Risses ist das tiefrote Gestein auf eine Breite von knapp 1 mm bläulich grau eingefärbt. Dies ist ein Hinweis darauf, daß die tiefrote Färbung nicht auf eine Temperung des Gesteins zurückgeht, wie man dies auf den ersten Blick vermuten könnte. Gegen eine solche Vermutung spräche auch die in ursprünglicher Färbung erhaltene Rinde, ebenso fehlt der zu erwartende feine Verlauf der Muschelung.

Da solche tiefrot gefärbten Hornsteine in der südöstlichen Frankenalb aus primären Lagerstätten nicht bekannt sind, muß angenommen werden, daß das ursprüngliche Gesteinsstück, aus dem dieses kleine Ensemble gefertigt wurde, aus einer sekundären Lagerstätte stammt: Möglicherweise haben eisenhaltige Lösungen die rote Farbe erzeugt. Keinesfalls ist sie jedoch nach der Bearbeitung durch den Menschen entstanden: Alle Stücke sind vollkommen frisch erhalten und es fehlen jegliche Spuren der sekundären Verwitterung oder Patinierung.

Aufgrund der Klüftung ging das Abtrennen der Abschläge nicht ohne Probleme vor sich. Dies kann vor allem an der (nicht abgebildeten) Ventralfläche des linken Schabers festgestellt werden, die über einen größeren Abschnitt von einer natürlichen Kluftfläche gebildet wird. Eine solche ist an diesem Stück auch auf der Dorsalfläche zu entdecken, in der großen, rechts an die Rindenpartie stoßenden Fläche. Der Abbau der beiden Abschläge erfolgte über eine bipolare Technik – dies belegen Reflexionserscheinungen an den distalen Partien der (nicht abgebildeten) Ventralflächen. Bipolare Techniken können im Fundmaterial der Unteren Schichten sonst nicht beobachtet werden – man könnte sich vorstellen, daß sie ausnahmsweise herangezogen wurden, um der Klüftung Herr zu werden. Die Abtrennung der Abschläge verlief übrigens in der für Plattenhornsteine üblichen Weise entlang der Rindenflächen.

Nachdem die beiden Grundformen erzeugt waren, wurden sie durch Retuschieren zu Werkzeugen – Schaber – modifiziert. Die Schaberkante des linken Stückes verläuft leicht konvex. Die Retusche hatte bei dem steilen Winkel zwischen Ventral- und Dorsalfläche jedoch keine Chance weit auf die Dorsalfläche auszugreifen und die Retuschenegative enden bald mit einem winkligen Bruch. Vermutlich wurde aus diesem Grund von einer weiteren Modifikation dieses Stückes abgesehen.

Anders beim zweiten Werkzeug: Hier ist eine annähernd gerade verlaufende Schaberkante zu sehen, deren Anfertigung die Dorsalfläche nahezu vollständig überprägt hat. Lediglich der Rindenrest und die unmittelbar daran anstoßende Spaltfläche zeigen den ursprünglichen Zustand des Abschlags. Die Retuschen zeigen die Tendenz zu einer langschmal-parallelen Anordnung – entsprechende Relikte (Absplisse) sind rechts im Bild zu sehen. Der endgültige, durch mehrere Ausbrüche bedingte, leicht gezackte Verlauf dieser Schaberkante ist aber wohl erst anläßlich des Gebrauchs entstanden.

Die insgesamt 10 Artefakte dieses Ensembles (vier weitere sind nicht abgebildet) wurden über die gesamte Grabungsfläche der Unteren Schichten der Sesselfelsgrotte verstreut gefunden. Die zwei Werkzeuge lagen in den aneinanderstoßenden Quadratmeten A8 und Z8 in einer Tiefe von 454 und 482 cm. Diese unterschiedliche Tiefenlage, wie auch die Fundorte der zugehörigen Absplisse, sind für die Interpretation der Vorgänge innerhalb der Sedimente nach deren Ablagerung von großem Interesse. Denn alle zu diesem Ensemble gehörenden Objekte können auf ein einmaliges Ereigniss zurückgeführt werden. Die Orte der Auffindung der einzelnen Relikte sind somit durch ein Band der Gleichzeitigkeit miteinander verknüpft. Wie immer die verschiedene Tiefenlage der beiden Werkzeuge zustande gekommen sein mag und wie auch die Lage der Objekte in zwei verschiedenen Schichten (Schicht P und Schicht O) zu erklären ist: Artefaktensembles wie das gezeigte sind wichtige Quellen zum Verständnis der Prozesse, die das Zustandekommen des heutigen Aussehens der Fundschichten bewirkt haben.

Literatur:

Weißmüller, W.: Die Silexartefakte der Unteren Schichten der Sesselfelsgrotte. Ein Beitrag zum Problem des Moustérien. Quartär-Bibliothek 5. Bonn, 1995. (Vgl. Kat.Nr. 541).

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