Felsbildkunst

Felsbildkunst und Prähistorische Archäologie

 

Überlegungen zu einer verkannten Quellengattung

© 2000-06-20 by Dr. Christian ZÜCHNER

Einleitung:

Der Titel des Beitrages impliziert einen Gegensatz, den es eigentlich gar nicht geben dürfte, da Felsbilder ebenso Teil vorgeschichtlicher Kulturen sind, wie alle anderen Quellengattungen auch, denen sich die Prähistorische Archäologie im Allgemeinen widmet: Steingeräte, Bronzen, Keramik, Siedlungsbefunde usw. Dennoch gehen Felsbildforschung und archäologische Forschung im üblichen Sinne in der Regel getrennte Wege. Das gilt selbst in denjenigen Ländern, in denen es große Felsbildstationen gibt, etwa in Frankreich, Spanien und Italien. Selten werden sie als aussagefähige Quellengattung erkannt und anerkannt. Das hat sicher sehr viel mit der prägenden Wirkung einzelner Gelehrter der Nachkriegszeit zu tun, denn in der Generation von M. Hoernes, O. Menghin, H. Obermaier, um nur einige herausragende deutsche Forscher zu nennen, gab es eine solche Trennung eigentlich noch nicht. Gerade in Deutschland wird die Beschäftigung mit Felsbildern gewöhnlich von der Fachforschung als mehr oder weniger exotisch bis unseriös abgelehnt, ohne dass man sich darüber im Klaren wäre, welche Erkenntnismöglichkeiten diese Quellengattung für prähistorischer Kulturen und Kulturzusammenhänge bietet. Wenn überhaupt, dann werden sie mit wenigen, wohlfeilen Bemerkungen zur Religion früherer Epochen abgehandelt. Umgekehrt gelten in der Felsbildforschung – noch immer weitgehend eine Domäne von z.T. sehr verdienten Laien – Bodenfunde bestenfalls als Mittel zur Bestimmung und Datierung der abgebildeten Objekte. Vergleichende Analysen zwischen Bildern und archäologischen Funden und Befunden, also den überlieferten Sachgütern, sind die seltene Ausnahme.

Ziel unseres Beitrages ist es, Interesse an einer in ihrer Aussagefähigkeit verkannten archäologischen Quellengattung zu wecken und an Beispielen zu zeigen, welche Informationen damit gerade für die Kulturen der Kupfer- und Bronzezeit, im Wesentlichen also des späten vierten bis frühen zweiten vorchristlichen Jahrtausends, gewonnen werden können. Die Erkenntnismöglichkeiten , von denen hier die Rede ist, bewegen sich auf verschiedenen Ebenen, von der einfachen Sachkunde bis hin zum Verständnis kultureller und religiöser Zusammenhänge. Natürlich wird der kritische Leser ein allzu rasches Vorgehen und Vergleichen bemängeln und Präzisierungen fordern. Doch dies würde die Diskussion zahlreicher Einzelbeobachtungen an den unterschiedlichsten Fundgattungen – Grab- und Hortfunden, Keramikdekor, Schmuckobjekten usw. – in Raum und Zeit erfordern. Das kann und soll in diesem Zusammenhang nicht geleistet werden.

Rekonstruktion der prähistorischen Wirklichkeit:

Wenn wir über die Typologie vorgeschichtlicher Geräte sprechen, so diskutieren wir im Grunde nur über Fragmente von Fragmenten. Das soll heißen: unsere Quellen – Steingeräte, Bronzen, Gefäßscherben aus Gräbern, Horten und Siedlungen – bieten nur einen winzigen, zufälligen Ausschnitt aus der Fülle ehemaligen Kulturgutes, dessen Wertigkeit für ihre Benutzer wir gar nicht kennen. Und selbst diese überlieferten Zeugnisse sind noch unvollständig. Wir sprechen über Objekte, von denen sich nur die unvergänglichen Teile erhalten haben und die wenig mit dem zu tun haben, was die Menschen wirklich in der Hand hielten. D. h. wir typologisieren die unvergänglichen Reste ehemals existierender Gegenstände und versuchen diesen historische, sozialgeschichtliche oder religiöse Aussagen abzugewinnen (Eggert, Veit 1998). Über das wirkliche Aussehen und die formale Vielfalt können Felsbilder oft viel genauer Auskunft geben, da sie die Gegenstände nicht als Fragmente, sondern in ihrem wirklichen Erscheinungsbild darstellen. Einige Beispiele sollen das Gesagte verdeutlichen.

Krummschwerter (Abbildung 1)

Ein gutes Beispiel dafür, dass Felsbilder helfen können, verlorene Gegenstände und Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, sind die „Krummschwerter“ der Kupferzeit. Nur ein einziges Original aus Kupfer hat sich in Zaerzentmihály (Ungarn) (Csalog 1960) erhalten. Dennoch muss diese Waffe in Alteuropa große Verbreitung und Bedeutung besessen haben. Der so genannte „Gott von Szegvár Tüzköves“ (Csalog 1959, Idole 1973) hält ein Krummschwert – keine Sichel, wie Gimbutas (1974) vermutet, weil sich die Schneide auf der Außenseite befindet – als Zeichen seiner Macht geschultert. Zu den Schmuckgegenständen von Varna, Grab 36 gehört eine goldene Miniatur, die als Anhänger gedient hat (Varna 1988, Abb. 36). Während in Mitteleuropa bislang Belege zu fehlen scheinen, tauchen Krummschwerter in Westeuropa als zentrales Motiv der Felskunst und der Kleinkunst auf, obwohl es auch dort keine originalen, d.h. verwendbaren Waffen dieses Typs gibt. Aus Schiefer geschnitten sind sie ein kennzeichnendes Votiv in den Megalithgräbern Portugals (u.a. Almagro Gorbea 1973). Eine Reihe bretonischer Menhire trägt eine oder mehrere Abbildungen als Gravierung oder flaches Relief (Shee Twohig 1981, Fig. 173 u.a.). Dadurch kennzeichnen sie die anikonischen Stelen als männliche Kriegerstatuen im aller weitesten Sinn. Der Schlussstein im gewaltigen Grab des „Table-des-Marchands“ (Shee Twohig 1981, Fig. 102) weist einen umfangreichen Satz dieser Waffen auf, die in Bündeln gegenständig angeordnet sind. Auch hier wird Bezug auf kriegerische Mächte genommen. Zugleich wird die Verehrung von Waffen, damit wohl auch von Kriegsherren und Kriegsgöttern greifbar, die im Grunde bis heute das Denken europäischer Völker bestimmt. Denn Waffen und Waffensets sind bis zur Zeitenwende das zentrale Thema der Felskunst, der Bronzehorte und der Grabausstattungen. Krummschwerter waren offensichtlich allgemein bekannt. Wenn sie trotzdem kaum je im Original auftauchen, so mag das mit den Hort- und Bestattungssitten ihrer Zeit zusammenhängen. Der Grund könnte allerdings auch sein, dass sie überwiegend aus (Hart-) Holz gefertigt gewesen und somit vergangen sind.

Dolche der Kupfer- und Bronzezeit (Abbildung 2)

Die frühen Dolche bestehen in der Regel aus einer triangulären Klinge, die streng dreieckig, etwas gewölbt, selten auch lanzettförmig sein kann. Sie besitzen einen breiten, annähernd rechteckigen Griff (z.B. Mont Bégo: Lumley 1995), oder einen stabförmigen Griff mit pilzförmigem Knauf (z. B. Sion, Valtellina, Valcamonica: Anati 1967, 1968, 1972, Priuli 1985). Nicht selten werden darauf Nieten, farbige Einlagen oder der Aufbau aus verschiedenen Materialien angegeben. Die Bilder lassen vermuten, dass die reiche Verzierung der Dolchgriffe, die man aus der Bretagne (Gallay 1981) und Wessex (Gerloff 1975) kennt, durchaus sehr viel weiter verbreitet war, als man in der Regel annimmt, und dass ihre Konzentration auf wenige Fundpunkte vor allem die Folge von besonderen Erhaltungsbedingungen ist. Zuweilen haben die Dolchgriffe einen extrem sanduhrförmigen Umriss, sodass der obere Abschluss als breiter Knauf gedeutet werden kann. Diese Typen sehen den frühbronzezeitlichen Miniaturdolchen (Gandert 1957, Bcichácek, Moucha 1993) Mitteleuropas so ähnlich, dass man sie ohne weiteres miteinander in Beziehung bringen kann. Aus den Felsbildern ergibt sich also mühelos die Erklärung für einige Gegenstände, über deren Bedeutung in der Literatur große Meinungsunterschiede bestehen.

In der Regel wurden die Dolche blank dargestellt. Natürlich mag es Scheiden gegeben haben, die den dreieckigen Umriss der Klinge so exakt nachgezeichnet haben, dass die Entscheidung, ob blanke Waffe oder nicht, unmöglich wäre. Das war jedoch wohl eher die Ausnahme. In der Valcamonica und Valtellina gibt es Abbildungen von Dolchen, die so tief in einer im unteren Teil triangulären, im oberen Abschnitt rechteckigen Scheide stecken, dass nur noch der bogenförmige Knauf herausschaut (z.B. Cemmo 1: Anati 1967, Fig 16). Er wird meist durch eine Reihe von Punkten, den Ziernieten angedeutet (Abbildung 3). Eben dieser Scheiden-Typ ist im Hort von Kozí Hrbeti (Neustupny 1961, Taf. 45, Böhm 1928, Taf. III) überliefert. Obwohl für eine schnelle Handhabung der Waffe eher hinderlich, scheinen solche Scheiden dennoch während der Altbronzezeit in Europa weit verbreitet gewesen zu sein.

Stabdolche (Abbildung 4)

Nach allgemeiner Vorstellung bestehen Stabdolche aus einer starken, triangulären Klinge mit Mittelrippe aus Kupfer oder Bronze, und aus einem geraden Stiel aus Holz, besonders in Mitteldeutschland auch aus Bronze (ORíordaín 1937, Lenerz-de Wilde 1991). Die Bilder des Mont Bégo (Bicknell 1913, Lumley 1995) und der Valcamonica (z.B. Luine: Anati 1982, Montecchio: Anati 1976, Fig. 82) belegen, dass dies nicht die einzige Form war, die es gegeben hat. Sie lassen eine ganze Reihe von Typen erkennen mit unterschiedlichen Klingen, Stielen und Schäftungen, die z.T. unter den archäologischen Funden unbekannt sind.

Stabdolche gelten als die Leitform der Frühbronzezeit schlechthin. Die Felsbilder zeigen jedoch durch Kombinationen mit anderen Waffen, dass sie bereits in der späten Kupferzeit auftreten. Sehr wahrscheinlich gehen sie auf neolithischen Waffen aus Knochen zurück, wie man sie aus Schweizer Pfahlbauten kennt (Corboud, Pugin 1992). Das heißt, die kontrovers geführte Diskussion über die Frage, wo Stabdolche erfunden worden sind – in Irland, Mitteldeutschland, Italien oder Spanien – ist müßig, denn sie bezieht sich auf bestimmte, sicherlich schon späte Formen. Zugleich bezeugen Felsbilder, dass sie eine viel allgemeinere Verbreitung in Europa besessen haben, als es die Verbreitungskarten in der archäologischen Literatur (z.B. bei Lenerz-de Wilde 1991) vortäuschen. In der Valcamonica und auf dem Mont Bégo wurden ca. 450 Exemplare abgebildet, die in der einschlägigen Literatur nur mit einer Randbemerkung abgehandelt werden. Kartiert man auf der Iberischen Halbinsel die Darstellungen auf Felsen zusammen mit den Bodenfunden, dann ergibt sich eine sehr viel regelmäßigere Verbreitung, als es die überlieferten Bronzen erkennen lassen. Weitgehend unbekannt scheint zu sein, dass es bei Oukaimeden im Hohen Atlas (Marokko) zahlreiche, sehr exakte Abbildungen gibt, dass man diese Region also nicht außer Betracht lassen darf (Malhomme 1959-1961, Chenorkian 1988, Züchner 1988, Rodrigue 1999). Metallfunde spiegeln immer nur bestimmte Formen der Deponierung wieder, nicht aber die vorgeschichtliche Realität, über die angeblich diskutiert wird.

Immer wieder ist die Ansicht vertreten worden, Stabdolche hätten nicht als Kriegswaffen gedient, sondern seien eher ein Symbol der Macht, eine Art Szepter gewesen, u.a. weil sie überwiegend aus Horten, weit seltener aus Gräbern stammen. Tatsache ist, dass Dolche, Stabdolche, Hausgrundrisse usw. auf dem Mont Bégo, in der Valcamonica und im Hohen Atlas völlig gleichwertig auftreten, ohne dass ein Unterschied zwischen den einzelnen Gattungen erkennbar wäre. Auf einer Stele von Arco am Gardasee (Italien) (Bagolini et al. 1992, Fig. 1) gehören Stabdolche ebenso zur Ausrüstung des Kriegers, wie Dolche und andere Gegenstände.

Schilde (Abbildung 5)

Originale Schilde aus der Kupfer- und Frühbronzezeit sind kaum bekannt. Dagegen gibt es in der Felskunst Oberitaliens und Spaniens eine ganze Reihe von Bildern, die einen guten Überblick über das Aussehen diese Schutzwaffe vermitteln. In größerer Zahl kommen sie in Luine (Valcamonica) (Anati 1982, Fig. 144-146) und im nördlichen Spanien vor (z.B. Idolo de Peña Tu: Hernández Pacheco 1914. vgl. auch: Almagro Basch 1972, Bueno Ramirez 1990, Bueno Ramirez, Balbin Behrmann 1992, Züchner 1998). Hier wie dort gehören sie dem gleichen Typ an. Unter den Tausenden von Waffen des Mont Bégo fehlen sie merkwürdigerweise, sofern sie sich nicht hinter einfachen Rechtecken verbergen. Die übliche, wenn auch nicht die einzige Form spätkupfer- und frühbronzezeitlicher Schilde scheint rechteckig, häufig mit gerundeter bis halbkreisförmiger Oberkante gewesen zu sein. Gelegentlich verleihen ihnen Augen, Augenbrauen und Nase menschliches Aussehen. Schutzwaffe und Schutzgottheit verschmelzen zu einer Einheit, so dass die Identifizierung entsprechender Bilder in der Literatur einmal als Idole, dann wieder als schildförmige Zeichen durchaus berechtigt sein mag (Züchner 1998).

Siedlungswesen und Landnutzung (Abbildung 6)

Grabungsbefunde und Luftbildarchäologie können in der Regel nur einen begrenzten Einblick in die Siedlungsstrukturen und in die Landnutzung des Neolithikums und der vorchristlichen Metallzeiten geben. Noch weniger erfährt man über den Aufriss der Gebäude, von denen sich gewöhnlich nur Grundrisse oder unbestimmte Pfostenstellungen erhalten haben. Gerade in diesem Zusammenhang liefern Felsbilder Informationen, die uns sonst verborgen bleiben würden.

Topografische Darstellungen, im weitesten Sinn also Kartenbilder, sind nämlich ein wichtiges Element metallzeitlicher Felskunst (Züchner 1986/87, 1989, 1994a, 1996, Arcà 1999). Man kann zwei Grundtypen unterscheiden, die einander an der Wende von der Kupfer- zur Bronzezeit ablösen. Einmal handelt sich um mehr oder weniger regelmäßige Rechtecke, die in unterschiedlicher Weise in kleinere Felder unterteilt sind. Manche sind einfach, andere sehr komplex gegliedert. Neben Einzeldarstellungen gibt es auch größere, unter einander verbundene Einheiten. Dieser Typ gehört vornehmlich der Kupferzeit an und ist im Alpenraum, in Spanien und im Hohen Atlas Marokkos weit verbreitet, kommt aber auch in Megalithgräbern Portugals, Spaniens und der Bretagne vor. In der Literatur werden die Bilder gelegentlich als „Katasterpläne“(Malhomme 1959-1961, Searight, Hourbette 1992) bezeichnet und in der Tat handelt es sich um Feldfluren, wie sie sich in den „Celtic Fields“ von Süd-England erhalten haben (Fleming 1988). Sie reichen weit in die Vorzeit zurück und scheinen in großen Teilen des neolithischen Europa die übliche Form der Landnutzung gewesen zu sein. Die Datierung des Bildtyps in das vierte und dritte Jahrtausend v. Chr. sichert sein Vorkommen in einigen Megalithbauten Westeuropas (Shee Twohig 1981, Fig. 37, 38, 93 usw.) und in anderen, chronologisch vergleichbaren Zusammenhängen.

Die rechteckigen Gitterfelder werden im Laufe der Frühbronzezeit in der Valcamonica, auf dem Mont Bégo und in Galicien von komplexeren Kartenbildern abgelöst. Sie geben nun ganz konkret kleinere und größere Gehöfte und Dörfer mit ihren Gärten, Feldern und Wegen wieder, sodass man einen umfassenden Einblick in die Siedlungsstrukturen und in die Landnutzung der Bronze- und Eisenzeit gewinnt.

Kulturbeziehungen (Abbildung 7)

Über großräumige Kulturbeziehungen und über den Austausch von Ideen und Glaubensvorstellungen kann die Felsbildforschung manchmal besser Auskunft geben, als Bodenfunde (Acosta 1968, Züchner 1985, 1994 b, 1995). Nur zwei Beispiele sollen in diesem Zusammenhang angeführt werden. Ausführlich ist darüber auch in Zusammenhang mit den Gravierungen von Oukaimeden und vom Yagour Plateau (Hoher Atlas, Marokko) berichtet worden (Züchner 1998).

Vergleicht man die Dolche (Chenorkian 1988) des Mont Bégo und der Valcamonica aus der späten Kupferzeit und der frühen Bronzezeit, so fällt auf, dass in beiden Regionen ganz unterschiedliche Griffe und Knäufe üblich waren. Die rechteckigen oder annähernd sanduhrförmigen Griffe des Mont Bégo, die nicht selten ornamentiert sind, verweisen auf entsprechende Funde Westeuropas, der Bretagne und Englands, aber auch auf die Glockenbecher-Dolche Nordspaniens und die Bilder Marokkos. Gänzlich fehlen dagegen Dolche mit stabförmigem Griff und gebogenem oder halbrundem Knauf, der mit einer Reihe von Nieten versehen sein kann. Man kennt diese Form aus oberitalischem Remedello-Zusammenhang, vor allem aber aus dem gesamten östlichen Mittelmeer. Die kulturellen Beziehungen gehen also sehr viel stärker in diese Richtung, als in die westlich angrenzenden Regionen. Branigan (1966) hat ja schon vor langer Zeit auf die Verwandtschaft der Remedello-Dolche mit solchen aus Kreta hingewiesen. Und in der Tat gibt es in Kreta einige originale Knäufe aus der frühen Bronzezeit, die ohne weiteres zu Remedello-Dolchen gehören könnten (Zervos 1956, Fig. 199, 293).

In ähnlicher Weise geben Stabdolche Hinweise auf weiträumige Beziehungen auch über jene Regionen hinweg, in denen Originale eher die Ausnahme sind. Trotz der großen Distanz zwischen England, Irland und dem südfranzösischen Mont Bégo sind dort unter den rund 500 Bildern alle Typen vertreten, die z. B. Harbison (Harbison 1969) in Irland herausgearbeitet hat. Sie sind z.T. so exakt und die Übereinstimmungen so groß, dass die entsprechenden Typen offensichtlich allgemein bekannt und verbreitet waren, auch wenn scheinbare Fundlücken zunächst solche Fernbeziehungen zu verbieten scheinen. Zusammen mit anderen Argumenten wird deutlich, dass auch Marokko den Atlantischen Bronzezeit-Kulturen nahe steht, obwohl es von dort nur ganz wenige originale Belege dafür gibt, sodass diese Region von der europäischen Forschung in der Regel nicht berücksichtigt wird.

Für die weiträumigen materiellen und kulturellen Verflechtungen ließen sich noch zahlreiche andere Beispiele nennen, doch würde eine angemessene Diskussion den vorgegebenen Rahmen sprengen. Es soll hier genügen, einmal die Aufmerksamkeit auf die vielfältigen Beziehungen zwischen dem atlantischen Marokko, Spanien, Frankreich und Italien zu lenken (Züchner 1998). Entsprechende Beobachtungen könnten auch an der „Schematischen Kunst“ des dritten vorchristlichen Jahrtausends der Iberischen Halbinsel (Acosta 1986) angestellt werden, deren Symbole auf ostmediterrane Vorbilder zurückgehen und in vielfältiger Form in Alteuropa verbreitet sind.

Hort- und Einzelfunde (Abbildung 8)

Spätestens seit der Kupferzeit wurden in vielen Teilen Europas wertvolle Gegenstände allein oder in mehr oder weniger großen „Horten“ niedergelegt, in Höhlen, Mooren, Quellen, unter herausragenden Felsen und anderen Orten. Der Grund für diese Deponierungen wurde in der Literatur bekanntlich sehr kontrovers diskutiert. Man hat sie als Opfer- bzw. Weihegaben angesprochen, als Verwahrfunde von Händlern oder als Verstecke im Zusammenhang mit kriegerischen Ereignissen. Die Horte sind zu unterschiedlich, als dass man nur einen Grund für die Niederlegung nennen dürfte. Immerhin können Felsbilder für das Verständnis von kupfer- und frühbronzezeitlichen Horten wichtige Argumente liefern. In Südtirol, der Valcamonica und Valtellina gibt es Stelen und stelenartige Steine (Anati 1968, 1990) von mehr oder weniger menschlicher Gestalt. Auf einigen davon befinden sich Waffensets, die im ihrer Zusammensetzung recht gut derjenigen zeitgleicher Horte und Grabausstattungen entspricht. Die einzelnen Waffen und sonstigen Gegenstände – Gürtel, Halsringe, Zierscheiben, Tiergruppen, Felder – wurden hier in einem einzigen Arbeitsgang gezeichnet. Sie bilden eine inhaltliche Einheit und akkumulierten nicht im Laufe unbekannter Zeiträume. Sie entsprechen der Ausrüstung der dargestellten Person, sei das ein herausragender Krieger oder eine Gottheit. Die Bedeutung der Person wird durch diese Gegenstände repräsentiert und kann durch „Mehrfachausstattungen“ hervorgehoben werden, ebenso wie es Grabausstattungen gibt mit nur einer einzigen Waffe oder einem einfachen Waffenset und solche, in denen der Tote von jeder Waffenart mehrere Exemplare mit sich führt. Bilder und reale Gegenstände sind demnach zwei Facetten des gleichen Brauchs und der gleichen Vorstellungen. Ähnliche Verbindungslinien führen zu den frühen Horten. Sie gleichen in ihrer Zusammensetzung häufig den Kombinationen auf Stelen und Stelensteinen und sie können einfach oder umfangreich sein, je nach der Bedeutung des Opfernden oder des Geehrten. Es zeigt sich also, dass diese Art von Horten Weihefunde sind mit einem realen Bedeutungshintergrund. Das Gleiche gilt für entsprechende Einzelfunde aus auffälligen Situationen. Bilder und Deponierungen sind die zwei Seiten eines Brauches. Es handelt sich Gaben oder Votive, die bestimmten Gottheiten aus bestimmten Anlässen geweiht wurden, wie man das ja auch von christlichen Pilgerkirchen kennt. Die Unterschiede sind wohl eher regionaler, denn inhaltlicher Natur und ergänzen sich gegenseitig.

Zusammenfassung

Es war die Absicht dieses Beitrages, einmal den Blick auf eine reiche und weit verbreitete Quellengattung zu lenken, die von der prähistorischen Forschung Mitteleuropas kaum wahrgenommen, ja oft sogar als unseriös abgelehnt wird. Dabei war es nur möglich, einige ausgewählte Themen anzusprechen. Es wäre jedoch ohne Weiteres möglich, zahlreiche andere Beispiele heranzuziehen, um die engen Beziehungen aufzuzeigen, die zwischen den verschiedensten Zeugnissen prähistorischer Kulturen bestehen und um so ein farbigeres Bild vergangener Epochen zu zeichnen, als es das oft spröde archäologische Fundgut zulässt.

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Dr. Christian ZÜCHNER
Institut für Ur- und Frühgeschichte
Universität Erlangen-Nürnberg
Kochstr. 4/18
D-91054 ERLANGEN
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